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Ausstellung von Ulrike Speckmann: »Sichtfelder« - Kulturforum Kapelle Waltrop

Worte zur Eröffnung von Axel Schuch, 7.9.2018 –

 

Sichtfelder.

Sicht, Felder. Was bedeutet das?

 

Es eröffnen sich vor uns Felder… Horizonte, die erst wie abstrakte Schichtungen erscheinen, sich bei näherer Beschäftigung jedoch zu ungewöhnlichen Landschaften entwickeln. Und im Untergrund einiges verbergen… denn auch hier gibt es Schichtungen.

 

Man kann drei grundsätzliche Ansätze zur Gestaltung entdecken:

Frühe Bilder, die teilweise die Anmutung von Satellitenbildern haben oder 3D-Aufsichten, wie wir sie mittlerweile aus den digital verfügbaren Kartenwerken zur Routenplanung kennen. Und hier fällt schon ein besonderes Stichwort: Route.

 

Weiterhin sehen wir »leicht« anmutende Bilder mit flächigen Strukturen beziehungsweise Rissbildungen, deren Motive nicht unbeabsichtigt Assoziationen zu den hier üblichen Jahreszeiten erzeugen sollen.

 

Dann die äußerst interessanten, geschichteten Horizontbildungen, die verblüffenderweise vertikal übereinander angeordnet wurden, so dass sich ein Sichtfeld nicht nur in der Horizontalen erschließt, sondern wir den Eindruck gewinnen, als würden wir ein geöffnetes Bodenprofil betrachten.

Schichtung um Schichtung.

Ulrike Speckmann schafft gerade in Ihrer dunklen Serie mit formgebenden Versatzstücken – die sie collagiert und übermalt – ein ums andere Mal wiederkehrend nicht trennbare Strukturen aus Materialität und Malduktus.

Die spontan aufsteigenden Assoziationen lassen uns immer wieder an

· Steine beziehungsweise Mineralien,

· an Pflanzliches beziehungsweise Wachsendes,

· und Ätherisches beziehungsweise Wind oder Luftbewegung denken.

 

Und sie erzeugt Tiefe; Tiefe, in dem sie zumeist im vermeintlichen Vordergrund dunkel, mineralisch beginnt und sich horizontal nach oben immer mehr dem lichten zuwendet. Der Blick auf die entfernten Berge könnte uns einen Ausweg aus den düsteren Jetzt-Zuständen anbieten. Etwas Dunkles geschieht, doch uns bleibt die Möglichkeit zum erhellenden Horizont zu wandern.

 

Eine Frage, die sich viele Betrachter immer wieder stellen: wie kommt die Künstlerin auf eine solche Idee?

Es ist ein Wechselspiel. Ein Wechselspiel zwischen initialer Punktsetzung und Reaktion auf Materialität. Sie nimmt gerissene Materialien wie zum Beispiel besondere, handgeschöpfte Papiere oder Bilder und Texte aus Magazinseiten, die sie auf der Fläche anordnet (der initiale Punkt) und dann, in Rücksprache mit ihren Erinnerungen treibt sie den weiteren Prozess entweder durch malerische Ergänzungen oder weiteres Collagieren voran. Schritt für Schritt.

Ulrike Speckmann reagiert hierbei auf die unterschiedliche Beschaffenheit und Ausprägung ihrer Produktionsmittel und verstärkt deren innewohnende rhythmische Bewegung, die ihr dabei ins Auge springt. So nehmen ihre Landschaften Formen an.

 

Aber ich werfe noch einmal einen weiteren Blick auf die Ausformung der anderen Werke:

Die jahreszeitlichen Papierarbeiten faszinieren durch ihre Unterschiedlichkeit bei gleichzeitiger Verwandtschaft. Ist die Farbgebung vielleicht noch typisch für die zeitliche Einordnung, so ist die Verwendung der gebrochenen Linien sehr ungewöhnlich: was in dem einem Bild wachsende Stämme andeutet, ist in dem anderen die Blutbahn des Blattes und im weiteren die Assoziation von Rissbildungen im Eis.

 

Allen Werken gemeinsam ist dieses „Was liegt dahinter?“ „Was bricht sich Bahn; Was reißt auf?“ Denn bei genauer Betrachtung rücken mehr und mehr die realen Versatzstücke der Collagenteile in den Blick. Kartenausschnitte, Stadtansichten, Portraits und textliche Zitate. Meist schemenhaft, oft verdeckt, erzeugen diese Elemente das Gefühl von vergessenen Geschichten und unerreichbaren Träumen. Dies ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass Ulrike Speckmann äußerst belesen ist und dieser gigantische literarische Background schlägt sich immer wieder in ihren bildlichen Umsetzungen nieder.

Sind die Stadtansichten Synonyme unserer geheimen Ziele? Sind die Kartenausschnitte unser Hilfsmittel, den Weg zu finden?

 

In den jüngsten Werken, den kleineren Formaten verlassen allerdings viele Elemente das schemenhafte, werden konkreter und drängen in den Vordergrund und geben somit durch ihre eindeutigen Versatzstücke klare Hinweise, in welche Richtung unsere Interpretation zu gehen hat.

 Die beiden ältesten Werke – jeweils bestehend aus vier hochformatigen Bildtafeln, die letztlich wieder ein horizontales Bild im Querformat ergeben – verdeutlichen jedoch am besten den Begriff, den ich zu Beginn erwähnte, als die Rede von Satellitenaufnahmen und 3D-Luftansichten war: es geht um Routen.

Routen finden.

 

Wir als Betrachter sind angehalten, unsere eigenen Routen durch das Angebot von Form- und Farblandschaften von Ulrike Speckmann selbst zu finden – immer den Horizont vor Augen, oft scheinbar unerreichbar mit reflexiver Sicht auf unsere eigenen Assoziationsfelder.

 

Ich wünsche Ihnen viel Freude und Überraschung beim Erwandern dieser Bilder.

 

 

Intervention - 10jähriges Bestehen der Artemis Werkstätten 22.4. 2018

 

Message from the Log Lady -

Katharina Speckmann

 

Hello. My name ist Margaret Lanternman.

I live in Twin Peaks.

I am known as the Log Lady.

This ist my log.

I carry a log. Yes.

Is this funny to you? It is not to me.

 

There ist a story behind that. There are many stories in Twin Peaks.

Some of them are sad. Some funny. Anyway.

 

I come the whole way from Twin Peaks today

because my log saw something last night.

My log has a message for you.

 

Can you hear it?

I thougt so.

I will translate.

This is the message from the log.

Sssh, i'll do the talking.

 

The art is not what it seems.

Last night my log saw something.

Two strong women.

People crowded together.

Paintings, cookies, sculptures, musicians...

a festivity....celebrations...

 

Is there a reason to celebrate?

Indeed it is.

This is a story of many

but it begins with two strong women.... Judith and Ulrike.

 

At the end of a crosscut log- many of you know this – there are rings.

Each ring represents one year in the life of a tree.

Every trace you can see here

is a trace that represents the vivid life of Artemis Werkstätten.

 

How long it takes to grow a tree.

How much vitality and energy it needs to grow a place like this.

My log came here to celebrate the rise of this place.

 

But above alle he came to cheer this two wonderful women

who are the heart of this place.

 

He saw them in his dreams.

He saw a bunch of creativity and he was impressed

by their optimism, presence and power.

Ulrike and Judith:

my log has a message for you:

GO ON.

 

Let art always be a part of your story.

This gallery is a treasure.

Your work is a treasure.

The beautiful thing about treasure is that it exists.

It exists to be found.

Be proud and confident and keep this treasure safe.

 

And don't forget. art is not what ist seems.

This is the message from the log.

Thank you.

 

 

Re Brautmeier

Rede zum 10 jährigen Bestehen der Artemis Werkstätten 22.4. 2018

 

Liebe Judith, liebe Ulrike,

 

ihr habt eingeladen zum Jubiläum von 10 Jahre Artemis Werkstätten und zwar unter dem Motto „Artemis' Töchter – Hälfte des Himmels".

 

Artemis, die Namensgeberin eurer Werkstätten, ist nicht nur die antike Göttin der Jagd, des Waldes, des Mondes und die Hüterin der Frauen und Kinder. Sie ist als Geburtshelferin auch in paradoxer Weise eine jungfräuliche Göttin.

Wie kam sie als Jungfrau an Töchter und dann noch an euch beide als Töchter?

Dieses Rätsel zu lösen bin ich heute angetreten.

Es findet sich Deutungshilfe in den

Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ von Rainer Maria Rilke.

Nie war er der Antike so gewiss.

Fast möchte er der Generationen lächeln, die sie beweint haben

wie ein verlorenes Schauspiel,

in dem sie gern aufgetreten wären.

Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung jener frühen Welteinheit,

die etwas wie ein neues, gleichzeitiges Aufnehmen

aller menschlichen Arbeit war.

Es beirrte ihn nicht, dass jene konsequente Kultur mit ihren

gewissermaßen vollzähligen Versichtbarungen

für viele spätere Blicke ein Ganzes zu bilden schien

und ein im Ganzen Vergangenes.

Zwar ward dort wirklich des Lebens himmlische Hälfte

an die halbrunde Schale des Daseins gepasst,

so wie zwei volle Hemisphären zu einer heilen, goldenen Kugel zusammen gehen.

Doch dies war kaum geschehen, so empfanden die in ihr

eingeschlossenen Geister

diese restlose Verwirklichung nur noch als Gleichnis;

das massive Gestirn verlor an Gewicht

und stieg auf in den Raum,

und in seiner goldenen Rundung spiegelte sich

zurückhaltend

die Traurigkeit dessen, was noch nicht zu bewältigen war.“

 

Die Traurigkeit darüber, was „noch nicht zu bewältigen war“ teiltet ihr als tatkräftige Frauen – Göttin sei Dank – vor 10 Jahren nicht und gründetet beherzt Kunstwerk-und Begegnungsstätte im Geiste der Artemis, als symbolische Geburtshelferin.

Für eurer eigenes Fort- und Auskommen und das eurer echten, heute auch real vertretenen Kinder Katharina, Matthis und Giorgio, sollte das Atelier auch zu einem bescheidenen, finanziell gesicherten Leben verhelfen.

Dies und noch mehr als dies ist euch geglückt:

Ihr habt, um auf Rilke zurück zu kommen,

nicht das „harte Brot von Künstlern“ – und von Künstlerinnen zumal – „beweint“, sondern ihr seid „in dem Schauspiel“ einfach aufgetreten,

Ihr habt mitgespielt, indem ihr „jener frühen Welteinheit

eine heutige, momentane, dynamische Bedeutung hinzugefügt habt.

Vom Tiefen Pfad 9 in Recklinghausen geht Bewegung aus;

Ideen werden in die Tat umgesetzt,

Kunst wurde und wird – allen bürokratischen und finanziellen Widrigkeiten zum Trotz und leider ohne weitere Unterstützung von außen - geschaffen.

Von hier gehen Anregungen nach Recklinghausen und in die weitere Umgebung aus. Wir erinnern uns an die vielen Themen, die ihr behandelt habt:

von Jahresrhythmen über Wünsche bis zu großen und kleinen Prinzen.

Wir erinnern uns an die verschiedenen Genres, darunter Stillleben, aber auch an die „peepshow mit jungem Gemüse“

Euch gelingt immer wieder ein „ gleichzeitiges Aufnehmen aller menschlichen Arbeit“ in eure Kunst. Und euch gelingt das Aufnehmen aller Menschen.

Damit meine ich eure Zusammenarbeit mit den Kursteilnehmerinnen- und -teilnehmern, den jungen, den alten und den mittelalten, den Schülern und Studenten, den Eingeborenen und den Hinzugekommenen.

Die bunte Mischung des Publikums hier und heute drückt das aus:

Dieses Aufnehmen aller Menschen!

Wieder Rilke:

Das ist „jene konsequente Kultur mit ihren gewissermaßen vollzähligen Versichtbarungen,

Versichtbarungen, was für ein Wort: Sichtbarmachen, Sichtbarwerden und als Basis von beidem der künstlerische Akt.

Es fehlen bei diesem Begriff die euch eigenen Charakteristika des Nicht-Affektierten, des nicht-künstlerisch-exklusiven Gehabes, des nicht vorhandenen Geweses um die Kunst.

Eure Kunst ist selbstverständlich.

Für euch ist es selbstverständlich, dass Kunst offen für alle und für vieles ist –

und ihr selbst seid es auch.

Wahrscheinlich ist euch deshalb das gelungen, was andernorts nicht gelingt:

eine kleine, privat organisierte, gut laufende Jugendkunstschule in Recklinghausen und ein Treffpunkt für Kunstinteressierte jeglicher Couleur.

Ein offenes Kunstatelier, ein kunstoffenes Atelier.

Das ist eure Stärke und damit habt ihr wirklich

die Passung „des Lebens himmlischer Hälfte an die halbrunde Schale des Daseins“

möglich gemacht.

Wenn das nicht Grund genug ist, euch als Töchter der Göttin zu bezeichnen,

dann weiß ich's nicht!!

 

 

 

Otto Pankok

 

 

Des Malers 10 Gebote:

 

  1. Du sollst den Kitsch riskieren

  2. Du sollst nicht für Ausstellungen malen.

  3. Du sollst einen Baum für wichtiger halten als eine Erfindung von Picasso.

  4. Du sollst dich vor dem persönlichen Stil hüten.

  5. Du sollst nur deinen Träumen trauen.

  6. Du sollst deine schlechten Bilder schnell vergessen.

  7. Du sollst deine guten Bilder nicht anbeten.

  8. Du sollst vor jedem Bild, das du beginnst, das Gefühl haben, es wäre dein erstes.

  9. Du sollst krass ablehnen, was dir nicht passt, und wäre es Rembrandt oder Chagall.

  10. Du sollst das Publikum nicht für dümmer halten als dich selbst.

 

Otto Pankok in  "Stern und Blume", 1930

Ausstellung Kunstszene Recklinghausen 2013

 

PAPIER TRIFFT PLASTIK

 

Auszug aus der Rede zur Eröffnung am 12. Oktober 2013 von

Dr. Hans-Jürgen Schwalm ( Kunsthalle Recklinghausen)

 

„ Vom Kreisel sind es nur wenige Schritte zu Judith Hupel und den Artemis-Werkstätten im Tiefen Pfad, … in denen mittlerweile Kinder und Jugendliche die Ergebnisse ihres kreativen bildnerischen Arbeitens „auf den Tisch bringen“.

Anders als ihre Namenspatronin in der griechischen Mythologie lädt Artemis immer mal wieder auch Künstlerkollegen zu gemeinsamen Ausstellungen ein.

Bei alledem sind die Werkstätten natürlich auch Atelier und Ort der künstlerischen Selbstfindung.

Judith Hupels aus Bauschutt geformte Figurinengruppe, ...steht in ebenso großer Nähe wie in deutlichem Kontrast zu ihren streng aufgereihten, kleinen Alabaster-Werkstücken in Sichtweite:

Hier Baustellenabfall, spröde Armiereisen und Betonklumpen, die zu Form geworden, plötzlich

alle Schwere verlieren und tatsächlich schwerelos schwebend auf ihren Postamenten zu tanzen scheinen;

dort der weich schimmernde, semitransparente Alabaster, ...ein Material, das geeignet erscheint, das Licht einzufangen, um so eine materielle Schwere vergessen zu lassen und ebenfalls überraschend leicht und fragil zu wirken.

Man möchte dies zart schimmernden, handschmeichelnden Idole, wäre es denn erlaubt, gerne in seine Jackentasche stecken, um sie bleibend durch die Finger laufen zu lassen.

Judith Hupels plastische Gruppen changieren zwischen Formung und Form und legen sich im Spiel von Abstraktion und einer möglichen figürlichen Konkretisierung nicht fest.

Diese Offenheit scheint die plastische Materialität zu negieren und fällt doch immer wieder in sie zurück.“

 

 

 

 

Über Ablagerungen, Schichtungen, Wandel und Bewegung

– bildlich gesprochen

 

Gemeinschaftsausstellung von Judith Hupel und Ulrike Speckmann -  Artemis Werkstätten Recklinghausen,

in der Lohnhalle, Zeche Ewald, Herten 28. Juni bis 14. Juli 2013.

 

Eröffnungsrede von Kunsthistorikerin Sigrid Godau M.A.

 

Wenn an einem lauen Sommerabend stillgelegte Industrieräume ruhrgebietsweit zur faszinierenden Kulisse für kraftvolle, künstlerische Inszenierungen werden, dann ist „ExtraSchicht“, die Nacht der Industriekultur. Eine Nacht lang – und das mittlerweile zum 13. Mal – verwandeln sich die stummen Zeitzeugen der Montanindustrie zwischen Rhein und Ruhr in beredte Zeichen des Strukturwandels.

 

Ewald tanzt“ lautet in diesem Jahr das Motto der „ExtraSchicht“ in Herten. Und Energie und Bewegung sind – mit Blick auf den Standort – hier sozusagen Programm. In nicht einmal zehn Jahren entwickelte sich die ehemalige Zeche Ewald im Süden der Stadt zu einem dynamischen Zukunftsstandort mit den Schwerpunkten Wasserstoff, Hightech und Logistik.

 

Gleich nebenan, auf der Grenze zwischen Herten und Recklinghausen liegt der „Landschaftspark Hoheward“, eine der größten Haldenlandschaften Europas. Grundidee des 160 Hektar großen Parks, das vom Pariser Landschaftsarchitekturbüro Agence Ter entwickelt wurde, ist es, unsere durch die künstlichen Berge veränderte Wahrnehmung sichtbar zu machen.

Denn wo von Natur aus Flachland war, schuf sich das Ruhrgebiet mit seinen aus Abraum geschichteten Halden neue, vorher nicht gekannte Ausblicke. „Neue Horizonte“ nannte Agence Ter seinen Masterplan, der mit einer „Ringpromenade“ auf Straßenebene, einer „Balkonpromenade“ in 30 Metern Höhe und einem „Tophorizont“ mit Horizontobservatorium und Sonnenuhr auf 110 Metern Höhe variantenreiche Blicke in die Region aus den unterschiedlichsten Perspektiven inszeniert.

 

Ab heute stellen Judith Hupel und Ulrike Speckmann von den Artemis Werkstätten in Recklinghausen in der ehemaligen Lohnhalle der Zeche Ewald aus. Mit der Auswahl ihrer Arbeiten greifen sie bewusst die Besonderheiten des Ortes auf oder nehmen, auf je individuelle Art und Weise, auf das Thema der „ExtraSchicht“ Bezug.

 

Inspiriert vom Abbruch des Löhrhof-Centers in Recklinghausen hat die Bildhauerin Judith Hupel zwölf Tänzerinnen und Tänzer aus Abbruchmaterialien geformt. Kreisförmig angeordnet entwickeln sich die aus Moniereisen, Betonresten und anderen Fundstücken zusammengefügten Figurinen zu einer kraftvollen Metapher für Bewegung und Tanz.

Bis auf die grauen Betonsockel, welche die Künstlerin hergestellt hat, wurden die Fundstücke nicht weiter bearbeitet, sondern nur miteinander verdrahtet. Auswahl und Anordnung bestimmen sich durch das freie Spiel der Fantasie, die einzelne, vorgefundene Teile als Fragmente eines menschlichen Körpers assoziiert. Die durch gebogene Eisen oder Betonbrocken angedeuteten Körperformen – wie Kopf, Rückgrat oder gestrecktes Bein – reduzieren die Figur auf dynamische Bewegungslinien, die der Betrachter intuitiv als ein vielfältig choreografiertes Tanzgeschehen wahrnimmt.

 

Ganz ähnlich interpretieren die filigranen Figürchen aus Draht und Papier das Thema Tanz. Erneut auf die knappste Form reduziert, testet die Künstlerin hier Varianten von Bewegungsabläufen, die in ihrer Serialität fast den Charakter einer Fallstudie haben.

 

Auf ganz andere Art und Weise widmen sich zwei weitere Werkgruppen aus rosa Steatit und weißem Alabaster dem Thema Bewegung. Hier belebt sich der anorganische Stein quasi von Innen. Rundungen und Vertiefungen, Knicke und Kanten setzen durch luzide Wechsel und fein herausgearbeitete Übergänge die glatt polierten Oberflächen in Spannung, gewähren Durchblicke und Einblicke, wobei die organische, biomorphe Formensprache Assoziationen an menschliche Torsi weckt.

 

Thematisch einen gewissen Kontrapunkt zu den Arbeiten Judith Hupels setzen die

Malereien von Ulrike Speckmann.

 

Schichtungen“ heißt eine Serie von fünf Papierarbeiten, deren ungewöhnliches Format von 0,70 x 1,50 Meter an die traditionelle Landschaftsmalerei Japans oder an Fahnen denken lässt. Bildträger sind Strohseidenpapiere mit unregelmäßigen Kanten und rauer Oberfläche, in die teilweise auch Fäden eingearbeitet sind. Aus bis zu zehn Schichten besteht jede Collage, deren einzelne Lagen nacheinander farbig gestaltet und hier und da mit Aschen oder Sand angereichert wurden. Bildnerische Dominante ist die waagerechte Linie, die der Betrachter intuitiv als Horizontlinie deutet.

 

Wie ein Längsschnitt durch geologische Gesteins- oder Bodenschichten lesen sich die Arbeiten mit ihren differenzierten Texturen, Dichten, Farbigkeiten und Strukturen, wobei einzelne, farblich herausstechende Elemente Assoziationen an Wasser, Pflanzliches oder Kohleflöze wecken.

Den Schichtungen der Erdgeschichte vergleichbar lagern sich, so eine weitere Lesart der Künstlerin, die persönlichen Erfahrungen im Gedächtnis der Menschen ab; mit unterschiedlichen Gewichtungen, Verschiebungen und Verwerfungen, wo lang Verdrängtes oft nur durch Tiefenbohrungen ins Bewusstsein zurückzuholen ist.

 

Auf zwei großformatigen Papierarbeiten mit dem Titel „Große Welt I und II“ irren winzige Figürchen durch verwinkelte, ins Riesenhafte gesteigerte Architekturen, die in Schwarztönen und Eisenoxydrotfarben gehalten sind. „Formensprache der Industrie“ lautet der Untertitel der Arbeiten. Doch Vorsicht, wie immer die Bilder heißen, die Titel findet die Künstlerin stets erst am Schluss.

So war leitende Idee der beiden Arbeiten eben nicht das Portrait einer Industrielandschaft. Ausgangspunkt war vielmehr die Farbe Schwarz. Erst von hier aus, das heißt ausgehend von einer bestimmten Farbe bzw. der Frage, wie sich deren optisches Potenzial bildwirksam ausloten lässt, entwickelte sich Schritt für Schritt die Komposition. Wieder und wieder setzte der Pinsel an, überlagerte Farbschicht um Farbschicht bis als Ergebnis sich ein spannungsreiches Mit- und Gegeneinander innerbildlicher Flächenformen herauskristallisierte, akzentuiert durch harte, ja fast schneidende Farbkontraste. Erst hier, im Malprozess selbst, entwickelten sich die selbst die Künstlerin überraschenden Gedanken an z. B. scharfkantige Architekturen, die durch kleine, wiedererkennbare „Zutaten“ wie Leitern, Treppen oder eben Figuren anspielungsreich präzisiert wurden.

 

Bildnerischer Ansatz der Arbeiten Ulrike Speckmanns ist grundsätzlich die Farbe, die trotz ihres Verzichts auf jedweden Naturalismus aber dennoch motivische Assoziationen freizusetzen vermag. Verborgen lagern diese in den diversen Bildschichten und können – einmal freigelegt – buchstäblich „neue Horizonte“ eröffnen.

 

 

 

 

 

 

 

Einführungsrede von Dr. Margrit Proske zur Eröffnung der Ausstellung " Suchbewegungen", Dez. 2006, Maschinenhalle Scherlebeck, Herten

 

 

"Suchbewegungen"

 

 

nennt Ulrike Speckmann ihre Ausstellung, zu deren feierlichen Eröffnung wir uns hier versammelt haben.

 

Wer sich auf die Suche begibt, ist wissend und unwissend zugleich. Er weiß, was er sucht und er weiß es nicht. Wer sich auf die Suche begibt, bahnt sich den Weg und ist doch aufgerufen, seiner Ahnungslosigkeit zu vertrauen. Wer sucht, folgt einem unsichtbaren Pfad und hofft darauf, dass hinter der nächsten Wegbiegung ein Schatz auf ihn wartet. Und wenn nicht dort, dann doch wohl hinter einer der nächsten Biegungen. Und wenn da auch nicht, dann geht der Suchende einfach weiter.

Die Schwelle zu dieser Art von Suche, die eine Suche in Freiheit ist, will durchschritten sein; und der Raum dieser Freiheit will beatmet sein. Die Malerin Ulrike Speckmann lebt und atmet in diesem Raum. Und es sind die Farben, die ihr den Weg weisen. Sie ist weise genug, ihnen zu vertrauen.

 

Das, was sie dann entdeckt, ist das Antlitz des Seins. Es erscheint aus einer Tiefe, es scheint in den Farben auf. In der Bewegung des Malens macht die Malerin dem Sein Platz, in sich und auf den Leinwänden. Die lebendige Kraft steigt im Tun auf und breitet sich auf der Fläche aus. Es ist nur konsequent, dass Sie hier in der Ausstellung große Formate vorfinden.

Die Farbflächen sind gespeist aus einer Tiefe, die wir sonst nicht sehen könnten. In den Farben steckt gewissermaßen transponierte Tiefe. Transponieren kennen wir aus der Musik. Melodien werden um ein paar Töne höher oder tiefer transponiert. Das C erscheint im Oktavabstand immer wieder, jede Klaviertastatur zeigt das. Aber eine solche Tastatur enthält nur die für uns hörbaren Töne. Man muss sich eine Klaviertastatur nach oben wie nach unten unendlich weit verlängert vorstellen, um eine Vorstellung der gesamten akustischen Welt, ob wir sie hören oder nicht, zu bekommen.

 

Ulrike Speckmann nun transponiert für uns die unsichtbare Welt des Seins in die für uns sichtbare Welt der Farben und Flächen. Sie ermöglicht eine Berührung mit der verborgenen Ordnung der Dinge selbst, die ewig gültig und doch nur so erfahrbar ist, wie die Malerin sie in jedem einzelnen Bild gestaltet.

Das Allgemeine wird konkret und das Konkrete wird allgemein. Beides gleichzeitig. Was der Malerei von Ulrike Speckmann Kraft gibt, ist dieses Vereinen vermeintlicher Widersprüche. Sie malt mit einem Vertrauen und Wissen, das beide Pole (ob bekannt/unbekannt oder allgemein/konkret oder anderer Dualitäten) einschließt und so in die Harmonie führt. Die Welt darf sein wie sie ist, reich, schön, vielfältig, unendlich erforschbar.

Ihr mögen die Bilder nicht ausgehen, weil die Fragen, was die Welt im Innersten zusammenhält, ihr auch nicht ausgehen. Auch die Freude, sich in den Prozeß des Malens zu stürzen, versiegt nicht, denn sie ist ja nun einmal gefunden.

Es ist ein langer Weg, ins Reich der eigenen Künstlerschaft einzutreten. Ulrike Speckmann hat ihn durchschritten. Und sie hat dabei nicht vergessen, dass Leben und Kunst zusammengehören. Sie vereinigt in sich Existenzen, die in gewissen Kreisen als widersprüchlich gelten mögen. Sie ist Managerin, Dramaturgin, Ehemann, Mutter zweier Kinder, Freundin, Tochter und so weiter. Und alles hat seinen Platz und bedingt einander. Auch hier lebt sie das Leben in seiner ganzen Bandbreite. Nur wenn man ein Stück herausschneiden wollte,  purzelt die Ordnung in heilloses Chaos.

 

Ulrike Speckmann hat in ihrem Schaffen die kosmische Ordnung immer auch im Blick; und eingebunden in die kosmische Ordnung entstehen in ihrer Werkstatt Zyklen. (Auch die kosmische Ordnung ist möglicherweise in Zyklen strukturiert)

Der Jahreszyklus umfasst Arbeiten zu den vier Jahreszeiten. Eine ganz konkrete Stimmung wird eingefangen und doch sind in ihr die Schichten der gesamten Jahreszeit enthalten.

Das Sommerbild heißt „Mein Garten“. Ausgehend von der Stimmung in diesem bestimmten Garten spannt sich ein Bogen auf zu allen Gärten. In dieser Spannung öffnet sich das Bild der Betrachterin, sie entdeckt den Garten, ihren Garten, eine Sommerstimmung und den Sommer.

 

Im Zyklus der Engel schöpft die malende Hand das Anwesende aus der Tiefe des Raumes in das Sichtbare der Farben und Flächen. Eine changierende Bewegung von Anwesendem und Abwesendem entsteht. Handelt es sich um den Nachhall des Engels oder um den Engel selbst? War er da? Ist er da? War er da und ist wieder weg? Kommt er gerade vorbei?

 

Die 7 Schöpfungstage zeugen von hoher Bewusstheit und von malerischer Abenteuerlust. Hier begegnen Sie auch dem Forschergeist der Malerin. Sie ist stets der darunter liegenden Struktur auf der Spur. Sie zeigt, was mit jedem Schöpfungstag neu in die Welt getreten ist. Das Licht, Wasser und Land, die Zeit, Pflanzen, Tiere, Menschen und der Sonntag. Und sie arbeitet die Sensation, die da in die Welt tritt, heraus. Nehmen Sie die Titel der Bilder ganz ernst, lesen Sie die Übersetzungen von Martin Buber und versenken Sie sich in das Bild. Sie werden reiche Entdeckungen machen. In diesem Zyklus verschmilzt Abstraktion und Konkretes so intensiv wie in einem Schmelztiegel an einem ganz bestimmten Siedepunkt, und eröffnet auf diese Weise einen weiten Raum für Erkenntnis und sinnlicher Erfahrung.

 

 

Die Veröffentlichung der Reden erfolgt mit freundlicher Genehmigungn der Urheberinnen

Woche der Künste im Advent

Ausstellungseröffnung am 29. 11. 2009 -

Einführung Ulrike Speckmann

 

Weiß

ist im Grunde nicht so sehr eine Farbe als eher die sichtbare Abwesenheit jeder Farbe und gleichzeitig die Summe aller Farben im Licht.

Hermann Melville widmet dem Weiß in seinem „ Moby Dick“ ein ganzes Kapitel, in dem er sein Entsetzen über den weißen Wal auszudrücken versucht,

Weiße Tiere gelten oft als heilig, als Symbol für Reinheit und Frieden, die weiße Taube, das Lamm Gottes, der weiße Elefant oder als Verkörperung der Gottheit, Zeus als weißer Schwan oder weißer Stier und so erzeugt die Verbindung von Ungeheuern und Gefahr mit der weißen Erscheinung ein namenloses Entsetzen, wie Moby Dick bei Ismael oder der weiße Hai im Film.

 

Physiologisch gehört das Weiß durchaus zu den Farben, denn sobald auf der Netzhaut unsere drei Farbrezeptoren alle in gleicher Stärke Licht registrieren, erleben wir das als weiß.

Für die Wahrnehmung von Helligkeit jedoch sind anderer Nervenzellen zuständig.

Licht an sich ist unsichtbar für uns, Tageslicht ist nicht weiß sondern hell, klar, farbneutral.

Licht braucht, um für uns sichtbar zu sein, Materie, wenn auch nur kleinste Teilchen wie Staub, aber erst dann können wir es wahrnehmen.

 

Für Goethe ist Weiß „Die vollendete Trübung…( des Lichts), ein erstes Absinken des Lichts in die Materie, die gleichgültigste, hellste, undurchsichtige Raumerfüllung.“

Er sieht Weiß also als Beginn der Farbe!

 

Das Licht ist hell, und auch das Weiß ist hell. Aber umgekehrt ist nicht die Helle oder das Licht weiß. Weiße ist eine Farbqualität, Helle ein Lichtelement. Im Weiß wird die Helle zur Farbe, Helle wird verdichtet, materiell verkörperlicht.“ (Heimendahl)

 

Im psychologischen Sinne ist Weiß ebenfalls wesentlich anders als die Grundfarben Rot, Blau oder Gelb.

Zum Beispiel im Frielingschen Farbtest bedeutet es “Aufheben, Löschen, Enthemmen“.

 

Weiß ist die Farbe der Übergangsriten, von Geburt, Hochzeit, Kommunion und Tod.

Sein Ort ist die Grenze zwischen den Zeiten und Welten, Grenze nicht als schmaler Grad oder Mauer verstanden, sondern als nicht genau eingrenzbares Niemandsland dazwischen, Trennung und Verbindung in einem.

 

Weiß gewährt ein kurzes Innehalten in dem ewigen Kreislauf von Anfang und Ende.1

 

 

1 Nach : Margarete Bruns, Das Rätsel Farbe, Stuttgart 2001, S. 186 - 214

Kontakt:

Artemis Werkstätten
Tiefer Pfad 9
45657 Recklinghausen

Rufen Sie einfach an unter

 

Ulrike Speckmann

0 23 61  48 77 448

 

Judith Hupel

023 61  58 22 044

 

oder

 

kontaktieren Sie uns per

E-Mail

mail@ulrike-speckmann.de

judith.hupel@arcor.de

 

weitere Informationen finden Sie unter:

www.judith-hupel.de

www.ulrike-speckmann.de

 

 

Öffnungszeiten:

 

Nach Vereinbarung

oder zu den Kurszeiten

 

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